• Wenn der Specht kommt

Wenn der Specht kommt

13.09.2018 LIVIO REY MSc Biologie, Mitarbeiter Öffentlichkeitsarbeit, Schweizerische Vogelwarte, Sempach

Gebäudehülle – Mit dem Ende der Brutzeit beginnt die Periode, in der Spechte gelegentlich Löcher in Fassaden hacken. Will man diese Schäden vollständig verhindern, wird es teuer. Oft reichen aber auch schon einfache Massnahmen.

Die Vogelwarte Sempach erhält jährlich rund 20 bis 40 Meldungen über Spechte, die an aussenisolierten Hausfassaden Schäden verursachen. Die Vögel hacken einzelne oder mehrere bis faustgrosse Löcher in die Fassade, insbesondere an Hausecken. Betroffen sind meist Fassaden, deren Mauerwerk aussen mit Hartschaum-Dämmplatten, einem Armierungsgewebe und einem Aussenputz mit eher grober Körnung (mind. zwei Millimeter) versehen ist. In den allermeisten Fällen handelt es sich bei den Verursachern um Buntspechte, selten auch um Grünspechte.

Warum hacken Spechte Löcher in Fassaden?

Die Schadensmeldungen treten vor allem zwischen Juli und Dezember auf. In dieser Zeit verlassen die jungen Spechte das Revier ihrer Eltern und suchen sich ein eigenes. Die anpassungsfähigen Buntspechte finden auch in Stadt- und Dorfquartieren mit grösseren Bäumen geeignete Gebiete. In neuen Territorien bauen sie Schlafhöhlen und landen bei der Erkundung des Reviers ab und zu auch an Hausfassaden. Wände mit Aussenisolation vermitteln ihnen dabei wohl den Eindruck, dass sie zur Anlage einer Schlafhöhle geeignet seien: Der harte Verputz entspricht der Baumrinde, das Dämmmaterial darunter klingt wie faules Holz, das leicht bearbeitet werden kann.

Wie können Spechtschäden verhindert werden?

Spechte zimmern ihre Löcher oft an Hausecken. Dies vermutlich aus zwei Gründen: Erstens können sie dort besser landen als an anderen Stellen der Fassade. Zudem ist dort das Blickfeld deutlich grösser, was sie besser vor überraschenden Greifvogelangriffen schützt. Deshalb hilft es meist, die Vögel daran zu hindern, an den Hausecken zu landen. Mit Plastikbändern, Windrädchen oder Girlanden aus Metallfolienstreifen an gefährdeten Fassaden kann man Spechte kurzfristig abschrecken. Die Wirkung lässt aber bald nach, weil sich die Vögel rasch daran gewöhnen. Ist eine Höhle bereits fertig gebaut und wird sie vom Specht genutzt, lassen sich die Vögel vielleicht durch mehrmaliges nächtliches Stören verscheuchen, z. B. durch Ausleuchten der Höhle oder durch Lärm, denn neu angesiedelte Buntspechte verlassen nach Störungen an der Höhle offenbar häufig das Revier. Möchte man einen neuerlichen Spechtschaden an den Hausecken vermeiden, sind jedoch bauliche Massnahmen nötig. Eine Möglichkeit besteht darin, alle gefährdeten Hausecken von ganz oben bis auf ca. 2,5 Meter über Boden (erst ab dieser Höhe werden Löcher gezimmert) mit einer glatten, 20 bis 30 Zentimer auf beide Seiten reichenden Abdeckung aus Blech, Hartplastik, Acrylglas oder Ähnlichem zu versehen. Je nach Material lässt sich diese Verkleidung auf dem Verputz aufkleben. Das Spannen senkrechter Stahldrähte, ca. 5 bis 7 Zentimeter vor den zu schützenden Fassadenbereichen und im Abstand von maximal 12 Zentimetern zueinander, hält Spechte ebenfalls vom Landen ab, wenn nötig auch unabhängig vom Eckbereich. Will man die ganze Fassade schützen, sind auch Spanndrahtsysteme zur Fassadenbegrünung ein taugliches Mittel. Verwenden Sie dafür Gerüstkletterpflanzen ohne Haftwurzeln wie die Gemeine Waldrebe Clematis vitalba oder das Wohlriechende Geissblatt Lonicera caprifolium.

Wer ganz auf Nummer sicher gehen will, erneuert die Aussenfassade komplett: Massivmauerwerk, Metall- oder Eternitplattenverkleidungen bieten Spechten kaum Angriffsflächen. Dickere Putze bei traditionellen Aussenisolationen verhindern Spechtlöcher dagegen nicht immer. Laut Herstellerwerbung gibt es mittlerweile einige «spechtsichere » Wärmedämmverbundsysteme – fragen Sie Ihren Baufachmann!

Hin und wieder hacken Spechte auch Löcher in Holzfassaden. Hier ist jedoch keine Vorliebe für Hausecken zu erkennen. Spechtlöcher an Holzfassaden können deshalb kaum verhindert, sondern nur repariert werden. Wenn die Löcher eine rundliche Form aufweisen, ihre Grösse etwa 5 bis 8 Zentimeter beträgt und das Holz an diesem Ort beim Draufklopfen hohl klingt, dürfte es das Ziel des Spechtes gewesen sein, sich im Holz oder dem Hohlraum dahinter eine Höhle einzurichten. Wenn die Hackstellen jedoch andere Formen aufweisen, könnte der Specht im Holz nach Nahrung gesucht haben. Dann sollte die Stelle vor dem Auswechseln der beschädigten Bretter mit einem Fachmann auf Insektenbefall untersucht werden.

Insgesamt treten Spechtschäden so häufig auf, dass davon ausgegangen werden muss, dass nicht nur abnorm veranlagte, sondern alle Buntspechte Löcher in Fassaden hacken können. Deshalb ist das Wegfangen oder Abschiessen der schadenstiftenden Vögel – beides würde eine Ausnahmebewilligung der kantonalen Jagdverwaltung erfordern – kein Mittel zur nachhaltigen Problemlösung.

Der Buntspecht

Der Buntspecht ist mit seinem schwarz-weiss gemusterten Gefieder und den roten Farbtupfern ein wunderschöner Vogel. Er kommt vor allem im Mittelland vor und besiedelt verschiedene Waldtypen, aber auch Parks, Gärten und Siedlungen. Im Winter ist er ab und zu an Futterstellen zu beobachten. Mit 70 000 bis 90 000 Paaren ist er der mit Abstand häufigste Specht in der Schweiz. Weitere Informationen zum Buntspecht finden Sie im neuen Brutvogelatlas der Schweiz, der im November erscheint, und auf: www.vogelwarte.ch/buntspecht